Traumafokus (TF) Psychotherapie zur Regulation von chronischem Stress

und 
Schmerzerkrankungen

2018 © Kopierrechte Mag. Thomas Ch. Weber


Wozu dient Traumafokus?

Traumafokus ist eine tiefenpsychologische und körperorientierte Methode zur Verarbeitung von psychischem oder traumatischem Stress. Es ermöglicht eine spontane, unmittelbare Verarbeitung traumatischer Belastungen im Gehirn, ohne dass bewusste Erinnerungen vorhanden sein müssen. Während einer Behandlung mit Traumafokus entsteht in den tieferen Gehirnstrukturen eine Stressaktivierung, die unmittelbar zu Reflexen im Augenbereich und Gesicht führen, wie z.B.: vermehrtes Blinzeln, Augenzuckungen, Augen wackeln, Pupillenerweiterung, abruptes Einatmen, Verengen der Augen, wie es Grand in Brainspotting bereits beschrieben hatte. Je nachdem wo die Klientin hinschaut, wird das belastende Thema im Körper stärker oder schwächer wahrgenommen. 

Was sind unwillkürliche Augenpositionen?

Wenn wir über etwas mit jemandem sprechen, rechnen, nachdenken, uns etwas nicht einfällt beim sprechen, hat der Mensch jeweils unwillkürliche Augenpositionen, die unsystematisch im Raum sind. Das heisst, wir akkommodieren dabei nicht, sondern schauen dabei ins Leere. Ebensolche Augenpositionen haben wir, wenn wir über ein traumatisches Ereignis sprechen. Wir rufen quasi Erinnerungsspeicher im Gehirn damit ab.
Eine Augenposition für ein traumatisch belastetes Thema kann dadurch gefunden werden, wo eine Klientin am häufigsten hinschaut, während sie über ein Trauma spricht. Wir beobachten genau, wo sie hinschaut. Dies ist der optimale Augenfokus für eine Trauma Verarbeitung. In früheren Methoden wurde mithilfe eines Teleskopzeigestabs die stärkste Aktivierung gesucht. Es zeigte sich, dass die stärkste Ausprägung, die die Therapeutin wählt, nicht immer die geeignetste Augenposition ist. Weitgehend kann man daher auf die Nutzung eines Teleskopzeigestabs oder Pointers verzichten. Er ist dann ein hilfreiches Instrument, wenn eine Aktivierung einmal zu gering sein sollte, was seltener vorkommt.

Wie läuft eine Traumafokus Sitzung ab?

Entscheidend für eine effektive Sitzung ist das genaue, ruhige Beobachten oben beschriebener Phänomene bei der Klientin, insbesondere das Atemmuster und die Augenstellung im Raum (Blickrichtung). Ist ein Augenfokus einmal gefunden, treten unmittelbar leichte Körpersensationen oder Gefühle oder unbewusste Erinnerungen oder Bilder auf, welche nicht mit dem Bewusstsein gekoppelt sind. Sie können schonend und unmittelbar verarbeitet werden. Dieser vonseiten der Klientin im Körper wahrgenommene Stress wird nach E. Gendlin "Felt Sense" genannt, es ist quasi die Verortung des Stresses im Körper. der Psychobiologe und Neurowissenschafter Stephen Porges beschrieb in seinem Werk "Die Polyvagaltheorie" die Nervenbahnen des ventralen Vagus zwischen Hals und Unterbauch, die aktiviert werden, wenn eine Beruhigung beim Klienten eintritt. Mithilfe eines von der Therapeutin angeregten Atemmusters: "atmen sie freundlich, von der inneren Haltung, tief und langsam aus" wird dieser Vaguskomplex aktiviert und ermöglicht eine Herunterregulierung von einem Zustand der Furcht oder Todesfurcht in einen zunehmend beruhigenden Zustand. Walter B. Cannon beschrieb 1932 die autonome Furcht- oder Todesfurchtreaktion als "Fight-Flight and Freeze" (Kampf-Flucht und Todesstarre) Phänomen.

Zur Selbsteinschätzung des traumatischen Stresses

Die Klientin kommt durch diese bewusste Atemtechnik in einen Zustand, ohne dem aktuellen, psychischen Stress ausgeliefert zu sein. Man kann bei Bedarf am Anfang und Ende einer Sitzung die gestufte Belastungsskala nach Joseph Wolpe (1969) von „0“ kein Stress bis „10“ maximaler Stress verwenden, auch SUD (Subject Units of Distress) genannt. Diese Stressskala scheint bei traumatherapeutischen Methoden beliebt zu sein, wird aber bei Traumafokus nur mehr bedingt verwendet, da insbesondere komplex traumatisierte Menschen einen SUD angeben, der nach einiger Zeit der Herunterregulierung plötzlich wieder ansteigt; in den meisten Fällen ändert sich dabei auch der Felt Sense (= Verortung im Körper) da bei der Klientin ein neuer traumatischer Inhalt aufgetaucht ist, welcher zur Verarbeitung freigelegt wird. Für unwissende Therapeutinnen ein unerwartetes Phänomen, welches früher häufig als therapeutischer Fehler missinterpretiert wurde, jedoch als neues Teiltrauma mit verändertem Felt Sense verstanden werden sollte. Wir haben es demzufolge bei komplex traumatisierten Menschen nicht mit einem SUD Wert zu tun, sondern meist mit verschiedenen, die während einer Sitzung auftreten können.

Zur Schmerztherapie mit Schmerzfokus

In jedem chronischem Schmerz wohnt eine subjektive, unbewusste Schmerzgeschichte inne. Bei der Schmerztherapie mit Schmerzfokus beziehungsweise Painspotting (engl. Bezeichnung) verwenden wir die 11-stufige numerische Rating Skala (NRS) zur subjektiven Schmerzeinschätzung , da sie sowohl der Klientin als auch der Therapeutin eine genaue Angabe eines subjektiven Schmerzes an einer bestimmten Stelle im Körper anzeigt. Wir verwenden spezielle Felt Sense Techniken zur Schmerzverarbeitung und eine von Thomas Weber entwickelte manuelle Körperinterventions-Technik (MKT) an den stark schmerzenden Stellen zur Schmerzauflösung.
Zur besseren Regulation des Gehirns kann man bei Bedarf auch leise, beruhigende Geräusche über Kopfhörer verwenden. Eine bilaterale wechselnde, auditive Stimulation wird dabei nicht mehr eingesetzt. Der Grund liegt in neuen neuroanatomischen Erkenntnissen, welche besagen, dass jeder einzelne Gehörgang mit beiden Gehirnhemisphären verbunden ist. Auf diese Tatsache wies der französische HNO Arzt Alfred Tomatis bereits vor Jahrzehnten hin.

Optimale Regulierung des Nervensystems mit Traumafokus

Traumafokus (TF) ist ein hochwirksamer neuro-psychotherapeutischer Ansatz, bei dem eine vollständige Auflösung von psychischem und physisch chronischem Stress möglich geworden ist; sogar dann, wenn belastende Erfahrungen im Säuglingsalter, perinatal oder pränatal bestehen, die bewusst nicht abrufbar oder erinnerbar sind. Wir nützen insbesondere bei Bindungs- oder Entwicklungstraumata multisensorische Sinnesressourcen, Körperressourcen, Bindungsfiguren, -orte oder –elemente während der das Gehirn regulierenden und beruhigenden Traumafokus Sitzung. Nicht wir als Therapeutinnen sind es die Klienten heilen, es sind die Klientinnen selbst, oder besser gesagt deren Nervensystem in Gehirn und Körper, das aus einem dysregulierten Zustand in einen regulierenden Prozess gerät und sich dadurch neue Kreisläufe im Nervensystem bilden können. Diese neu gebildeten synaptischen Nervenzellgruppen nehmen die Klientinnen selbst physisch bewusst war, der Stress oder chronische Schmerz nimmt während einer jeden Sitzung kontinuierlich ab. Damit dieser Heilungsprozess anhält verwenden wir eine Nachhaltigkeitstechnik namens Entwicklungsfokus, die die Klientinnen zuhause effektiv nutzen können, um das während der Therapiesitzung neu regulierte Nervensystem auf einen neuentwickelten, beruhigten Zustand trainieren zu können - man könnte auch sagen: ein stressfreier Zustand wird neuronal neu eingeübt. Dies entspricht dem alten Paradigma von Donald Hebb aus dem Jahre 1949, welcher sagte: "cells that fire together wire together" (dt. "Zellen, die gemeinsam feuern, erzeugen neue Netzwerke").

Was geschieht bei chronischem Stress in unserem Gehirn?

Wie wir heute aus Ergebnissen der bildgebenden, modernen Hirnforschung wissen, führt chronisch-psychischer Stress zu einem reduzierten Volumen im Gedächtnisspeicher des Hippocampus im Gehirn und zu einer Hemmung von Aktivität im präfrontalen Kortex, was zu diversen Formen von Gedächtnisstörungen führen kann. Gleichzeitig werden in der "Stresszentrale" des Hypothalamus, der Hypophyse und im "Angst-Warn-Zentrum" der Amygdala im limbischen System des Gehirns in großen Mengen Stresshormone ausgeschüttet, was zu einer Überaktivierung dieser Areale führt. Eine Dauererregung dieser Art findet man insbesondere bei Menschen mit: posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), Panikattacken, Phobien, Depressionen, chronisch-emotionalem Stress und traumatischen Erfahrungen von sexuellem MIssbrauch in der Kindheit. Traumatisierte Menschen sind davon am stärksten betroffen. 

Therapeutische Intervention mit "Limbischer Sprache"

Mithilfe des Traumafokus Ansatzes und einer umfassenden, therapeutischen Fort- und Weiterbildung durch unser Institut für Neuropsychotherapie werden Klientinnen nicht mehr retraumatisiert, und es hält zusätzlich indirekten Traumatisierungsgrad bei Therapeutinnen insofern gering, da wir hochgradig mit dem impliziten Gedächtnis unserer Klientinnen arbeiten und mit "limbischer Sprache" intervenieren. Dies erhöht die Wirksamkeit der therapeutischen Beziehung, weil wir die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse der "right-to right Brain Interaktion" von Allan Schore nutzen, der 2016 dazu einen wertvollen Artikel publiziert hat: the right Brain implizit self - a central mechanism of the psychotherapy change process. American Psychological Association, Division of Psychoanalysis (39), 2016.
In seinem Artikel beschreibt Schore, dass die rechte Gehirnhemisphäre der Therapeutin mit der Rechten der Klientin hochgradig interagiert. Dies zeigen Hirnscans, die dies in verblüffenderweise dokumentieren. Die rechte Gehirnhemisphäre ist quasi unsere nicht kognitive Hirnhälfte.

Auflösung von chronischen Schmerzen

Ein weiterer Meilenstein mit Schmerzfokus ist die Therapie von akutem und chronischem  Schmerz. 2013 entdeckte Weber durch einen Zufall die enorm rasche Auflösung von akutem Schmerz nach Sturz mit starker Gewebeschwellung und Bluterguss. Nach einem verblüffend raschen Abklingen der Folgesymptome studierte er die therapeutischen Möglichkeiten bei chronischen, somatischen Schmerzerkrankungen, wie: Migräne, Fibromyalgie, chronische Schmerzen des Bewegungsapparates (Knie, Hüfte, Gelenke, Rücken) und stellte fest, dass chronische Schmerzen erst dann endgültig abklingen können, wenn die psychosozialen Ursachen von chronischem Schmerz bearbeitet werden. Mit Traumafokus haben wir einen effektiven Zugang gefunden, die unbewusste Schmerzgeschichte aufzuspüren zu können und dadurch die Körper-Gehirn Regulation in der Weise zu aktivieren, dass die Schmerzmatrix (Schmerzkreislauf im Gehirn) aufgelöst wird und der Körper aufhört weh zu tun. Weil dieser Ansatz seit Jahren so vielversprechend ist, finden bereits Langzeitstudien statt, welche ausgebildete Traumafokus Schmerztherapeuten/innen an einer psychosomatischen Klinik in Deutschland durchführen.

Kombinierbarkeit von Traumafokus mit anderen Methoden

Ziel der Methode ist eine vollständige Auflösung blockierter Erregung im Gehirn und im Körper eines Menschen. Das Traumafokus-Modell lässt sich mit gesetzlich anerkannten psychotherapeutischen Methoden gut verbinden, da es die therapeutischen Beziehung und die spezifisch-therapeutische Vorgehensweise nutzt.

Die Wurzeln von Traumafokus

Die Begriffe »Traumafokus« und »Schmerzfokus, ehemals Painspotting« wurden geprägt von Thomas Ch. Weber, dem Leiter des Instituts für Neuropsychotherapie, der sich jahrelang mit traumatisierten Menschen beschäftigte und einige Jahre mit David Grand, dem Begründer von BrainspottingTM zusammenarbeitete. Grand entwickelte als ehemaliger EMDR Trainer von Shapiro seine Methode aus dem EMDR heraus. Somit wird Traumafokus unter anderem als eine Weiterentwicklung von Focusing und Brainspotting verstanden. Traumafokus nutzt wertvolle Erkenntnisse aus: Focusing (Gendlin), Pranayama, aktueller neurobiologischer Schmerzforschung (Egle, Melzack & Wall, Engel et al.), dem hypnosystemischen Ansatz (Schmidt), Somatic Experiencing (Levine), Brainspotting (Grand, Schwarz, Weisz, Gibson), MBEP (Weisz), neurobiologischen Erkenntnissen von (Porges, Schore, Damasio, Egle, Hirsch, Schiepeck, Hüther, et al.)

Anwendungsbereiche von Traumafokus

Traumafokus benötigt bei Personen mit Monotraumata, die unter akuten Belastungsstörungen leiden, normalerweise ein bis zwei Sitzungen um die Symptome und deren Ursachen zu verarbeiten. Bei mehrfach belasteten Menschen (Komplextraumata) benötigt man mit Traumafokus viel mehr Sitzungen, um eine belastungsarme oder –freie Lebensführung zu erreichen.

Traumafokus lässt sich gut und erfolgreich anwenden bei:  akuten, komplexen und einfachen Traumata, posttraumatischen Belastungsstörungen, Panikattacken, generalisierter Angststörung, Depressionen, manifesten Zwangsstörungen, Suchterkrankungen, Leistungs- und Auftrittsblockaden, chronisch-psychosomatischen Erkrankungen, Bindungsstörungen, Borderline Störungen, Schlafstörungen, Essstörungen, chronischen Kopfschmerzen, Migräne, Schmerzen im Bewegungsapparat, Clusterkopfschmerz, Fibromyalgie und bei dissoziativen Störungen.

Viele psychiatrische Störungsbilder des ICD-10 und DSM-IV erweisen sich heute als Folgestörungen von Kindheits-Traumata und sind mit Traumafokus (TF) und Schmerzfokus effektiv behandelbar geworden.